Rückblick Literatürk 2005

Literatürk 2005: LiterarTürk 2005 - das erste Festival - ein Volltreffer

Ziel des in Essen erstmalig veranstalteten Festivals war es, ein anspruchsvolles und zugleich unterhaltendes, sowie völlig neues Angebot in Essen sowie auch darüber hinaus zu schaffen, dass über das Medium Literatur und somit über ‚Sprache’ kulturelle ‚Mehrheiten und Minderheiten’ in der Stadt zusammenbringt. Die Präsentation von Autoren an unterschiedlichsten Orten der Stadt (und in darüber hinaus) sollte (neue) Zugänge für türkischstämmige Migranten und Migrantinnen, als auch für die deutschstämmige Bevölkerung schaffen. Der Staatssekretär für Kultur der Landesregierung NRW, Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff hob in seinem Grusswort das Festival als „richtungsweisend“ und „Teil des Dialogs der Kulturen in unserem Land“ hervor „in dem Bewußtsein, dass sich kulturelle Angebote auch für die immer größer werdende Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund öffnen müssen“. Für den Essener Kulturdezernenten Dr. Oliver Scheytt fügt sich das Festival hervorragend in den Zusammenhang des Pilotprojektes des Landes NRW, bei dem sechs Städte in NRW – u.a. Essen – ausgewählt wurden, um ein nachhaltiges interkulturelles Handlungskonzept auf kommunaler Ebene zu entwickeln. „Wunderbar, dass es heute geschieht“, ist Schett’s Bemerkung zu diesem neuartigen Festivalkonzept.

Vier Tage haben Autoren an unterschiedlichen Orten im gesamten Essener Gebiet ihre Arbeit vorgestellt, mit den Gästen diskutiert und ungewöhnliche Zusammenkünfte erreicht: da saß der Studienrat in der Straßenbahn und lachte über die komischen Ausführungen des Autors Kerim Pamuk, ein deutsches Studentenpärchen machte die Bekanntschaft des türkischen Elternverbands und Kopftuch tragende Türkinnen amüsierten sich im Katakomben-Theater zusammen mit mehr als 150 anderen Besuchern über die Unterschiede von Deutschen und Türken bei den bissig/satirischen Wortgebirgen des Autors und Kabarettisten Serdar Somuncu.

Das Ziel des Festivals, über das Medium Literatur, Menschen unterschiedlicher Herkunft an für sie ungewöhnliche Orte zusammenzubringen, wurde weitgehend erreicht.

Im Festivalprogramm für Kinder und Jugendliche lasen die beiden Autoren Osman Engin und Selim Özdogan an zwei Essener Gesamtschulen vor jeweils mehr als 100 SchülerInnen und beantworteten anschließend die zahlreichen und aufmerksamen Fragen. Insbesondere die türkischen Schüler und Schülerinnen waren begeistert darüber, dass einer ‚ihrer Landsleute’ die Schule besuchte. Über die Schulveranstaltungen wurden am Folgetag in der lokalen Presse berichtet. Schulleitungen, Lehrer, Autoren und Schüler waren gleichermaßen begeistert über die gelungenen Kooperationen mit Literatürk.

Für die Kleineren verlief der Nachmittag im Interkulturellen Zentrum ‚IBZ’ bunt und aufregend. Aslı Sevindim, die bekannte Journalistin und Buchautorin, las den Kindern aus zweisprachigen Kinderbüchern vor.

Zur gutbesuchten Auftaktveranstaltung von LiteraTürk im Unperfekthaus las die aus der Türkei angereiste Autorin Feyza Hepcilingierler zwei Geschichten aus ihrem Erzählband „Die Hochzeitsnacht“ und sorgte anschließend für eine angeregte Diskussion über die Unterschiede des Frauenbildes in der Türkei und in Deutschland. Die stellvertretende Kulturausschussvorsitzende Lisa Mews betonte in ihrem Grusswort die Wichtigkeit von Veranstaltungen wie LiteraTürk und hob das Kennenlernen und die Begegnung unterschiedlicher Kulturen als herausragendes Moment des Festivals hervor.

Der Kaffeeexperte Alex Kunkel sorgte im Vorspann der Eröffnung für einen spannenden Einblick in die Kulturgeschichte des türkischen Mokkas.

Am selben Abend las der ebenfalls aus der Türkei angereiste Autor Cetin Öner im türkischen Restaurant Kumkapi aus seinem Roman: „Der letzte Tscherkesse“ vor gut 50 Gästen, die ihm bei den gleichzeitig gereichten türkischen Vorspeisen ‚Meze’ gebannt zuhörten.

Nachdem der erste Tag von LiteraTürk im Zeichen der türkischsprachigen AutorInnen stand, eroberten am Freitag die deutschen Autoren die Lesebühnen. Allen voran Thorsten Becker, der aus seinem letzten Roman „Sieger nach Punkten“ las und anschließend Rede und Antwort stand. Die Veranstaltung war in verschiedener Hinsicht überaus gelungen: so gelang es, einen größeren Teil eher traditionell orientierter türkischer Menschen mit zeitgenössischer Literatur eines deutschen Autors, der sich in seinem Roman sehr profund mit der Geschichte des osmanischen Reiches auseinandersetzt, zu konfrontieren und zusammen mit den leider wenigen deutschen Besuchern in einen spannenden Dialog zu treten.

In der Mayerschen Buchhandlung in der Essener Innenstadt las im Anschluss der Duisburger Autor H.B. Lüttke aus seinen Debütroman „Auf dem Ararat“. Zusammen mit dem Moderator der Veranstaltung entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über die Intention seines Romans, in dem es um eine verzweifelte und aussichtlose deutsch-kurdische Liebesgeschichte geht.

Zum Wochenendauftakt gab es die ungewöhnliche und spannende Verknüpfung von Film und Literatur im gut gefüllten Sabu-Kino der Essener Lichtburg. Der Kölner Autor Selim Özdogan las eindrucksvoll aus seinem Roman „Die Tochter des Schmieds“. Im Anschluss wurde der Film „Im Juli“, von Regissur Fatih Akim gezeigt, zu dem Ozdogan das Buch geschrieben hat.

Der mehrmalige Preisträger und renommierte Autor Martin Mosebach war am Abend zu Gast im Kulturzentrum Grend. Er las aus seinem 1999 erschienen Roman „Die Türkin“ und erläuterte im Anschluss die Entstehungsgeschichte.

Der letzte Tag von LiteraTürk führte sowohl den Autor Kerim Pamuk als auch sein Publikum an einen eher ungewöhnlichen Leseort: Die Straßenbahn! Während sich die historische Straßenbahn durch den Essener Norden schlängelte, amüsierte Pamuk die Literaturfreunde köstlich mit Geschichten aus seinem satirischen Band „Sprich langsam, Türke“.

Die Abschlussveranstaltung von LiteraTürk fand im Katakomben-Theater in Essen-Rüttenscheid statt. Der Prix-Pantheon-Preisträger Serdar Somuncu, lange Jahre unterwegs mit den provozierenden und vielbeachteten Shows zu Hitlers „Mein Kampf“ und Goebbels „Sportpalastrede“ unterhielt auf köstliche Art und Weise die mehr als 150 deutsch/türkisch gemischten Zuschauer – vom normalen Veranstaltungsbesucher bis zu kopftuchtragenden Türkinnen - mit seinem aktuellen Programm „Getrennte Rechnungen – Hitlerkebab“. Im Anschluss klang das Festival im Foyer des Theaters aus: bis spät in die Nacht gab es Gespräche, Diskussionen und Begegnungen zwischen den noch anwesenden Besuchern, Autoren, den zahlreichen Kooperationspartnern sowie den Festivalorganisatoren und -helfern.

Wir bedanken uns an dieser Stelle bei allen am 1. türkisch-deutschen Literaturfestival beteiligten Autoren und Autorinnen, den Helfern und Praktikantinnen, den zahlreichen Besuchern sowie bei den Förderern des Festivals, hier insbesondere dem Fonds Soziokultur, dem Land NRW sowie der Stadt Essen.

Johannes Brackmann
Semra Uzun-Önder
Filiz Doğan



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Aslı Sevindim
Jahrgang 1973, ist in Duisburg-Marxloh geboren und aufgewachsen. Schon mit 17 Jahren entdeckte sie den Journalismus für sich und stellte für den Bürgerfunk und Radio Duisburg erste Beiträge zusammen, bis es sie rheinaufwärts zum WDR nach Köln zog. Derzeit moderiert sie das Magazin „Cosmo“ in Funkhaus Europa sowie die Sendung „Cosmo TV“ im WDR Fernsehen.

Asli Sevindim führt uns in ihrem Buch "Candlelight-Döner" durch den üblich lustigen Kulturkampf. Deutscher Schweinebauch kämpft da gegen Kebab, türkische Discos gegen bajuwarische Trampelbuden, anatolisch feurige Jungs werden intellektuellen deutschen Sabbeltaschen gegenübergestellt. 

Osman Engin
1960 in Izmir/Türkei geboren, kam 1973 mit seinen Eltern nach Deutschland. 1989 machte er seinen Hochschulabschluss als Diplom-Sozialpädagoge in Bremen, wo er heute als freier Autor lebt. Für seine Geschichten aus dem nicht selten skurril anmutenden deutsch-türkischen Alltag wurden ihm diverse Literaturpreise verliehen.

Selim Özdoğan
Der Kölner Autor Selim Özdoğan wurde 1971 geboren und ist zweisprachig aufgewachsen. Seit Mitte der Neunzigerjahre hat er zahlreiche Romane und Erzählbände veröffentlicht. Für den Film „Im Juli“ von Fatih Akın schrieb er das Drehbuch. Özdoğan erhielt für sein literarisches Schaffen unter anderem den Adalbert-von-Chamisso-Preis. Aktuell ist er mit seinem neuen Roman „Zwischen zwei Träumen“ auf Lesereise.

In Nestas Welt ist es möglich geworden, mithilfe von Augentropfen Träume zu konsumieren. In Traumbars hängt Nesta mit seinen Freunden ab und taucht mit ihnen in die Welt der fremden Träume ein. Dabei verliebt er sich in Tedeisha, die schon bald eine steile Karriere macht und ihre Träume erfolgreich vermarktet. Als Tedeisha eines Tages nicht mehr aufwacht, begibt sich Nesta auf die Suche nach dem Ursprung der Träume...

Thorsten Becker
Thorsten Becker kam 1958 in Oberhausen zur Welt und wuchs in Köln auf. Heute lebt Thorsten Becker als freier Schriftsteller in Berlin und hat für seine Werke bereits zahlreiche Literaturpreise erhalten, u.a. 1985 den Literaturpreis der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und 1990 den Premio Grinzane Cavour.
Hegte er noch vor seinem Türkeibesuch zahlreiche, bewusst klischeehafte Vorurteile gegenüber der türkischen Bevölkerung, so verkehrte diese Reise sein Türkeibild ins Gegenteil und brachte sogar eine deutsch-türkische Heirat hervor.

H.B. Lüttke
H.B. Lüttke wurde 1952 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn Soziologie und Pädagogik und promovierte in Hagen. Zur Zeit unterrichtet er an einem Gymnasium in Duisburg und schreibt an seinem zweiten Roman.

Martin Mosebach

1951 in Frenkfurt geboren, studierte Jura in Frankfurt und Bonn. Seit 1980 lebt er als freier Schriftsteller in Frankfurt. Sein bisheriges Werk umfasst mehrere Romane ("Westend", "Eine lange Nacht", "Der Nebelfürst") und einen Prosaband ("Die schöne Gewohnheit zu leben. Eine italienische Reise.").
Martin Mosebach wurde mit dem Heimito von Doderer-Literaturpreis 2001 und dem Heinrich von Kleist-Preis 2002 ausgezeichnet.

Kerim Pamuk

wurde 1970 an der türkischen Schwarzmeerküste geboren und lebt seit 1979 in Hamburg, wo er Orientalistik und Germanistik studierte. Mit seinen Bühnenprogrammen "Pamuks Kümmel Klub" und "Leidkultur" tourt er durch Deutschland und tritt unter anderem im Quatsch Comedy Club auf. Er schreibt Bücher ("Sprich langsam, Türke"; "Alles roger, Hodscha?") und Drehbücher zu Kinospielfilmen ("Süperseks").

In seinem neuesten Buch "Allah verzeiht, der Hausmeister nicht" warnt Pamuk vorab Türken, die nach Deutschland kommen möchten. Mit viel Wortwitz nimmt er die Eigenarten der Deutschen aufs Korn.
Hintersinnig, witzig, intelligent: Mit orientalischer Gelassenheit blickt Kerim Pamuk auf Bier in der Badewanne, DIN-Normen, bunte Bio-Tonnen und kalendarische Brückentage. Kurz: auf alles, was "uns" Deutschen lieb und teuer ist.

Zehra Çırak
Die deutschsprachige Lyrikerin wurde 1960 in Istanbul geboren und siedelte drei Jahre später nach Deutschland über, wo sie in Karlsruhe aufwuchs. Seit 1982 lebt und arbeitet sie in Berlin. 1987 erschien ihr erster Gedichtband "Flugfänger", weitere Bände mit Lyrik und Kurzprosa folgten. Ein Schwerpunkt ihrer Texte beruht in der gemeinsamen Zusammenarbeit und den Auftritten im In- und Ausland mit Texten zu den Skulpturen vom Objektkünstler Jürgen Walter.
Die Autorin erhielt für ihre Werke zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, u.a. 1989 und 1993 den Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis und den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis.

Gemeinsam mit Hasan Özdemir liest Zehra Çırak bei LiteraTürk eine Auswahl ihrer Gedichte.

Serdar Somuncu
Serdar Somuncu, türkischer Staatsbürger, kam 1968 in Istanbul zur Welt und studierte Schauspiel, Musik und Regie in Maastricht und Wuppertal. Seit 1985 ist er in allen dreien dieser Bereiche künstlerisch tätig - sowohl für Fiilm und Fernsehenals auch für das klassische Theater.
Von 1996 bis 2001 tourte Somuncu mit einer außerordentlichen und provokanten Lesung von Adolf Hitlers "Mein Kampf" durch Europa. Seine Lesungen ließ er u.a. im ehemaligen KZ Sachsenhausen stattfinden oder an anderen geschichtsträchtigen Orten und weckte mithin auch weltweit Interesse an seinem Werk.
Auch die Sportpalastrede Joseph Goebbels interpretierte er in Form einer spannenden und ebenso mutigen Lesung - nicht umsonst erhielt er dafür den renommierten Prix Pantheon 2004.

Feyza Hepçilingirler

Jahrgang 1948, wurde in Izmir/Türkei geboren. 1970 graduierte sie an der Universität Istanbul in türkischer Literatur und Sprache und unterrichtete von 1081 - 1984 Literatur an zahlreichen Schulen. Währenddessen gab sie bereits verschiedene Kurzgeschichten heraus und erhielt 1985 den Sait Faik Kurzgeschichten Preis. Seit 1992 lebt uns arbeitet sie in Istanbul und ist eine typische Vertreterin der "modernen türkischen Frau", die trotz Familie und fester Anstellung kreative Wege bestreitet und den vielen Frauen, denen diese Möglichkeiten nicht gegeben sind, eine Stimme gibt.

Çetin Öner

ist ein vielseitiger türkischer Künstler tscherkessischer Abstammung. Er arbeitet nicht nur in der Türkei, sondern ist auch international als Regisseur, Drehbuchautor und Schauspielr tätig und anerkannt. Als Buchautor hat sich Öner einen namen gemacht mit zahlreichen Werken, die nicht nur in der Türkei und in Deutschland gelesen werden.

Literatürk 2005: Die Kooperationspartner

Erich-Kästner-Gesamtschule Essen
www.ekg-essen.de

Sandra Koch

Bücherverkauf und Büchertisch während des Festivals bei allen Veranstaltungen (bis auf die Schullesungen)


www.magus-buecher.de
www.gustav-heinemann-gesamtschule-essen.de


Unperfekthaus/Wohnraum, Essen

www.buchmesse-ruhr.de

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