Rückblick: Literatürk 2006

Literatürk 2006: LiteraTürk - das zweite türkisch-deutsche Literaturfestival in Essen

LiteraTürk: 2.türkisch-deutsches Literaturfestival 2006

Das Anliegen von 'LiteraTürk 2006' war es, ein anspruchsvolles und zugleich unterhaltendes, Programm zu präsentieren, auch wenn die Finanzmittel in diesem jahr deutlich reduziert waren. Die Dauer des Festivals wurde zwar von vier auf drei Tage begrenzt, aber am Konzept der unterschiedlichen Orte wurde dennoch weiterhin festgehalten. So stellten auch 2006 Autorinnen und Autoren im gesamten Essener Gebiet ihre Arbeiten vor, mit den Gästen wurde lebhaft diskutiert und es wurden ungewöhnliche Zusammenkünfte erreicht.

Die Eröffnung des Festivals zählt in der Statistik der Essener Zentralbibliothek zu einer der bestbesuchtesten Veranstaltungen in 2006. Die Begrüssungsrede wurde von Herrn Burak Çopur, Vorsitzender des Auschusses für Integration und Migration der Stadt Essen, gehalten. Er betonte den hohen Stellenwert solcher Veranstaltungen und Projekte für Essen und für die Region – insbesondere auf dem Hintergrund der unterschiedlichen Bemühungen der Stadt, der interkulturellen Kulturarbeit deutlich mehr Impulse zu geben.

Höhepunkt der Eröffnung war die Lesung mit der Autorin und Redakteurin Aslı Sevindim aus ihrem gerade erschienenen Buch „Candle-Light-Döner. Darin porträtierte sie den Alltag ihrer deutsch-türkischen Familie mit viel Ironie und Situationskomik und beantwortete im Anschluß souverän die zahlreichen Fragen der Besucher. Frau Sevindim ist seit April 2007 nun eine der Programmdirektorinnen der Kulturhauptstadt 2010 GmbH und dort zuständig für den Themenbereich ‚Stadt der Kulturen’.

In einer gut besuchten Doppellesung im Veranstaltungsraum der AWO-Essen in der Innenstadt stellten sich nacheinander der in London lebende deutsche Autor Wolfgang Koydl und der aus der Türkei angereiste Autor Sadık Yalsızuçanlar vor:

Wolfgang Koydl, der von 1996 bis Ende 2000 der erste Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Istanbul war, von wo aus er das östliche Mittelmeer, den Kaukasus und Zentralasien betreute, las aus seinen beim Picus-Verlag Wien erscheinen Büchern "Der Bart des Propheten. Haarige Geschichten aus Istanbul" (1998) und "Gelobt sei der Hl. Staat. Türkische Tragikomödien" (2001). Er beschrieb ausserordentlich kundig Brauthändler in Kurdistan, Gespräche mit Staatsbeamten oder den türkischen Teil Zyperns. Seine Geschichten beruhen auf dem Zusammentreffen mit Menschen, die er mit viel Hintergrundwissen zu einem bunten und facettenreichen Kaleidoskop der modernen Türkei zusammenfügt.

Sadık Yalsızuçanlar las aus seinem letzten Buch "Der Wanderer". Darin beschreibt er das Leben des großen Gelehrten und Mystikers Muhyiddin Arabi. Ein Roman, der sowohl im Innland als auch im Ausland auf großes Interesse gestoßen ist, da die Romansprache des Buches sich außerhalb der rationalen, modernen oder postmodernen Sprache befindet, der Autor sich vielmehr in einer initiativen Sprache versucht.

Zur ausverkauften und sowohl von Türken als auch von Deutschen gleichermaßen stark besuchten Abschlussveranstaltung am Sonntag war der bekannte Schriftsteller Feridun Zaimoğlu eingeladen. Der seit seiner Erstveröffentlichung "Kanak Sprak" (1995, erschienen beim Rotbuch Verlag Berlin) viel beachtete Autor las aus seinem letzten Buch "Leyla" (KiWi 2006). Darin wird die Geschichte Leylas erzählt, die in einer anatolischen Kleinstadt in den fünfziger Jahren als jüngstes von fünf Geschwistern aufwächst. Zaimoğlu schildert mit epischer Kraft und einer sinnenfrohen, farbenprächtigen und archaischen Sprache das Erwachsenwerden eines Mädchens, den Zerfall einer Familie und eine fremden Welt, aus der sich viele als Gastarbeiter nach Deutschland aufmachten. Nach der Lesung entspann sich eine lebhafte Diskussion über die Geschichte des Buches und die in diesem Rahmen an Zaimoğlu öffentlich gerichteten Plagiatsvorwürfe.

Die Schullesung am Freitag bestritt der aus Bremen stammende Autor Osman Engin. Vor gut 100 Schülern der Erich-Kästner-Gesamtschule im Essener Osten las Engin aus seinen letzten Romanen "Kanaken-Ghandi" und "Götter-Ratte" (erschienen bei dtv) und stellte persönlich zusammengestellte Satiren vor. Er beantwortete anschließend die zahlreichen und aufmerksamen Fragen der Schüler. Über die Schulveranstaltung wurde am Folgetag in der lokalen Presse berichtet. Schulleitung, LehrerInnen, Autor und SchülerInnen äußerten sich gleichermaßen positiv über die gelungenen Kooperationen mit LiteraTürk.

Die ebenfalls gut besuchte Kinderveranstaltung an der Grundschule Ostschule wurde von der Kinderliteraturexpertin Ursula Alm gestaltet. Sie stellte deutsch-türkische Kinderliteratur vor und die Kinder der 2. und 3. Klasse der Ostschule lasen eigens für LiteraTürk verfasste Geschichten.

In der Zusammenfassung lässt sich feststellen, dass die Ziele von Literatürk wieder erreicht worden sind. Mit insgesamt gut 400 Buchern und Besucherinnen des Festivals bei nur 5 Veranstaltungen (davon eine Doppellesung) an drei Tagen, im Schnitt 80 Besuchern der Einzelveranstaltungen und den hier gewonnenen Erfahrungen kann das Festival in dem geschaffenen Rahmen als erfolgreich bewertet werden.

Die gute Medienresonanz – auch in der türkischen Presse - trotz eines kleineren Festivalprogramms ist eindrucksvoll dokumentiert im Pressespiegel des Festivals. Ein WDR- Radiobeitrag über das Festival gab den Veranstaltungen noch zusätzliche Resonanz.

Das Team von LiteraTürk bedankt sich an dieser Stelle für ein gelungenes Festival bei allen beteiligten Autorinnen und Autoren, HelferInnen und Praktikantinnen, den zahlreichen Besuchern sowie bei den Förderern des Festivals, hier insbesondere dem Land NRW sowie der Stadt Essen.

Johannes Brackmann
Semra Uzun-Önder
Filiz Doğan 

Literatürk 2006: Die Autoren und Autorinnen

Aslı Sevindim
Jahrgang 1973, ist in Duisburg-Marxloh geboren und aufgewachsen. Schon mit 17 Jahren entdeckte sie den Journalismus für sich und stellte für den Bürgerfunk und Radio Duisburg erste Beiträge zusammen, bis es sie rheinaufwärts zum WDR nach Köln zog. Derzeit moderiert sie das Magazin „Cosmo“ in Funkhaus Europa sowie die Sendung „Cosmo TV“ im WDR Fernsehen.

Asli Sevindim führt uns in ihrem Buch "Candlelight-Döner" durch den üblich lustigen Kulturkampf. Deutscher Schweinebauch kämpft da gegen Kebab, türkische Discos gegen bajuwarische Trampelbuden, anatolisch feurige Jungs werden intellektuellen deutschen Sabbeltaschen gegenübergestellt. 

Feridun Zaimoğlu
Feridun Zaimoğlu wurde 1964 im anatolischen Bolu geboren. Ein Jahr später kam er mit seinen Eltern nach Deutschland und lebt heute in Kiel. Zaimoğlu sorgte in den 90er Jahren mit seiner „Kanak-Sprak“-Trilogie für Diskussionsstoff. Neben einer Reihe von Prosawerken veröffentlichte er Artikel in verschiedenen Zeitungen und arbeitet als Theaterautor . Er erhielt zahlreiche Literaturpreise, darunter den Ingeborg-Bachmann Wettbewerbspreis der Jury und den Carl-Améry-Preis. Zaimoğlu gilt als einer der wichtigsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur.

Wolfgang Koydl
wurde 1952 in Frankfurt am Main geboren. Seine journalistische Karriere begann nach der Deutschen Journalistenschule beim Münchner Merkur. Von 1996 bis Ende 2000 war er der erste Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Istanbul, von wo aus er das östliche Mittelmeer, den Kaukasus und Zentralasien betreute. Seit 2001 ist Wolfgang Koydl Büroleiter der Süddeutschen Zeitung in Washington.

In seinen beim Picus-Verlag Wien erscheinen Büchern „Der Bart des Propheten. Haarige Geschichten aus Istanbul“ (1998) und „Gelobt sei der Hl. Staat. Türkische Tragikomödien“ (2001) beschreibt Koydl Brauthändler in Kurdistan, Gespräche mit Staatsbeamten oder den türkischen Teil Zyperns und trifft überall auf Menschen und Geschichten, die er mit viel Hintergrundwissen zu einem bunten und facettenreichen Kaleidoskop der modernen Türkei zusammenfügt.

Sadık Yalsızuçanlar
wurde 1962 in Malatya geboren. Er studierte Turkologie und Literatur in Ankara, 1986 erschien sein erstes Buch "Sehirleri Süsleyen Yolcu" ("Der Reisende, der die Städte schmückt"). Yalsizucanlar hat Romane, Märchen, Sachbücher und zahlreiche literaturwissenschaftliche Artikel geschrieben, insgesamt mehr als vierzig Veröffentlichungen. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist er als Regisseur beim TRT in Ankara tätig und ist dort zuständig für den kulturwissenschaftlichen Bereich.

In seinem letzten Buch "Der Wanderer" beschreibt er das Leben des großen Gelehrten und Mystikers Muhyiddin Arabi. Ein Roman, der sowohl im Innland als auch im Ausland auf großes Interesse gestoßen ist, da die Romansprache des Buches sich außerhalb der rationalen, modernen oder postmodernen Sprache befindet, der Autor sich vielmehr in einer initiativen Sprache versucht. „Der Wanderer“ erscheint im Oktober 2006 im Literaturca Verlag, Köln. 

Osman Engin
1960 in Izmir/Türkei geboren, kam 1973 mit seinen Eltern nach Deutschland. 1989 machte er seinen Hochschulabschluss als Diplom-Sozialpädagoge in Bremen, wo er heute als freier Autor lebt. Für seine Geschichten aus dem nicht selten skurril anmutenden deutsch-türkischen Alltag wurden ihm diverse Literaturpreise verliehen.

Literatürk 2006: Die Kooperationspartner

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