Rückblick: Literatürk 2011

Literatürk 2011: Literatürk begeisterte Besucher und Besucherinnen

 Im bereits siebten Jahr hat sich das Festival Literatürk als eine feste Größe in der kulturellen Landschaft der Region etabliert. Literatürk ist das Erste und eines der ganz wenigen türkisch-deutschen Literaturfestivals in der Bundesrepublik. Es erfreut sich seit der Gründung über hervorragende Besucherzahlen, öffentlicher Resonanz und einer wachsenden Fangemeinde.

Mit seinem einzigartigen und originellen Programm bereichert Literatürk nicht nur die kulturelle Szene im Ruhrgebiet; Literatürk dient gleichzeitig auch als Vorreiter und gern kopiertes Beispiel für andere Veranstaltungen und Formate in der Region und überregional. Jüngstes überregionales Beispiel ist das türkisch-deutsche Literaturfestival Dil-Dile, das seit zwei Jahren in Berlin stattfindet.

Auch in integrationspolitischen Diskursen hat das Literaturfestival Literatürk gemeinsam mit dem Kulturzentrum Grend e.V. wichtige Akzente in der interkulturellen Öffnung und Sensibilisierung der Inhalte der literarischen, kulturellen, politischen und künstlerischen Bildung gesetzt.

Schwerpunktthema Literatürk 2011: GRENZGÄNGE!

Vom 14. - 17. Oktober 2011 hat Literatürk wieder neue Wege beschritten und eingeladen, eine Reihe spannender Entdeckungen zu machen: Undercover Reportagen, Lesungen und Autorengespräche mit gefeierten Autoren, klassische Musik, Dokumentarfilm und Regiegespräch, Szenische Lesungen, Kabarett, ElektroLyrik, Neuvorstellungen, eine eigens für Literatürk erstellte Sondersendung des Istanbuler Radiosenders „Acik Radyo" und vielem mehr!

Literatürk ist von Beginn an ein Festival, das Neues ausprobieren will; sowohl in der Wahl der Orte als auch in der Konzeption und Auswahl der Veranstaltungen und AutorInnen. Die Programmmacherinnen legen großen Wert darauf, ein möglichst breites Publikum für das Festival zu interessieren und vielfältige und qualitative Formate und Inhalte zu kreieren. Nicht nur bekannte Größen der Literatur finden ihren Platz bei „Literatürk“, auch unbekanntere AutorInnen werden eingeladen und gefördert.

Ergänzt wird das Literaturprogramm seit Anbeginn durch Kunsterzeugnisse verwandter Disziplinen, etwa der Musik und des Films. Sowie seit diesem Jahr auch durch Eigenproduktionen, wie beispielsweise die Literaturcollage „Cut Up - Literatur im Zeitraffer“, die im Rahmen des Festivals Ihre Premiere feierte und am 24. April in Offenbach im Rahmen der Lesereihe „Die Welt zu Hause in Offenbach“ neuaufgeführt wird.

Im Rahmen von Schulveranstaltungen und mit der Unterstützung und Kooperation des in diesem Jahr im gesamten Ruhrgebiet in 2011 wieder stattgefundenen Buch- und Schülerschreibprojekts "Zwischen meinen Welten unterwegs" in Zusammenarbeit mit dem Geest-Verlag in Vechta hat Literatürk daher auch einen Beitrag zur Förderung junger AutorInnen und zur kulturellen Bildung von Jugendlichen geleistet.


Programm 2011

Das Programm 2011 bestand aus sechzehn Veranstaltungen über vier Tage an sechs Orten und wurde von mehr als 1000 Besuchern und Gästen genutzt. Von den sechzehn Veranstaltungen waren zehn Lesungen. Darüber hinaus gab es Kabarett mit Hagen Rether, klassische Musik mit der international renommierten Tabea Zimmermann und dem Nachwuchstalent Eren Kustan, ein Dokumentarfilm über den anatolischen Poeten und Musiker Asik Veysel, Oriental Jazz mit dem Trio Klare, Bektas und Ak und eine eigens für das Festival produzierte Radiosendung des Istanbuler Radiosenders Acik Radyo anlässlich des 50 jährigen Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik und der Türkei, dass im Jahr 2011 offiziell begangen wurde.

Diesem Anlass haben wir im diesjährigen Programm zudem einen ganzen Tag mit Lesungen, Musik, Film und Tanz in der Zeche Carl gewidmet. Im Vordergrund dabei stand vor allem die Überlegung einen Einblick in die Kulturwelten der ersten Einwanderer und (Gast)Arbeiter zu geben. Ein ganz wichtiger Baustein in dieser Kultur ist die Musik und die Poesie. Beides sind Elemente, die eine lange orale Tradition haben, die sehr viel weiter reicht als die Geschichte der modernen Literatur in der Türkei. Aber auch die moderne Literatur ist nicht zu kurz gekommen. Mit Cut Up! -Literatur im Zeitraffer haben wir eine literarische Collage aus ausgewählten Textpassagen der Literaturen der Türkei, Deutschland und der Welt entwickelt und präsentiert. Alle Veranstaltungen über den Tag verteilt waren sehr gut besucht und sind auf große Resonanz gestoßen.

Ein besonderes Highlight war des Weiteren die Kooperation mit der Buchhandlung Proust und der Lichtburg Essen für die „Lange Nacht der Kultur in Essen“. Mit einem reichhaltigen Programm aus Literatur, Musik und Kabarett wurde ein kulturübergreifendes Programm konzipiert, das seines gleichen sucht. Den thematischen Kern der langen Nacht der Kultur bildete die Lesung aus dem Buch: Deutschsein: Eine Aufklärungsschrift, indem der Autor Zafer Senocak der Frage nachgeht was es eigentlich heißt Deutsch zu sein? Der Höhepunkt der Langen Nacht der Kultur war der Auftritt Hagen Rether‘s, der seine Gage für das Frauenhaus in Essen gespendet hat. Knapp 500 Besucher wurden im Rahmen dieser Veranstaltung gezählt

Aus der Sparte Türkischsprachige Literatur in deutscher Übersetzung wurden folgende Romane und Bücher vorgestellt:

Der 2008 auch auf Deutsch erschienene Roman Zorn von Murat Uyurkulak, sowie Auszüge aus seinem 2011 in der Türkei neu erschienenem Erzählband Bazuka: Geschichten über Liebe, Einsamkeit und Gewalt. Murat Uyurkulak gehört zu den wichtigsten Stimmen zeitgenössischer Literatur, die einen neue literarische Ästhetik geschaffen haben. Die Helden in seinen Roman sind Antihelden, Außenseiter und Ausgestoßene, aber zwischen all dem Dreck, der Gewalt, dem Gestank und der verrohten Sexualität steckt immer auch ein Plädoyer für mehr Würde und Menschlichkeit. Darüber hinaus schreibt und redigiert Murat Uyurkulak für verschiedene Zeitungen in der Türkei. Die zweisprachige Lesung wurde von etwa 80 Zuhörern besucht.

Der 2011 in der Türkei erschienene Bestseller Roman „Lüsyen - Historie einer Liebe“ wurde in einer eigens für das Literatur-Festival Literatürk von dem ausgezeichneten Literaturübersetzer Gerhard Meier in Absprache mit dem Autor Can Dündar und den Programmmacherinnen angefertigten Übersetzung dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt. Can Dündar ist vor allem für seine investigative Arbeit als Dokumentarfilmer und Journalist bekannt. Lüsyen ist sein erster Roman, der die heikle Liebesbeziehung der Belgierin Lüsyen zum Dichter Abdülhamid zur Zeit des Osmanischen Reiches zum Gegenstand hat. Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit, die aufgrund von Dokumenten, die teilweise immer noch unter Verschluss gehalten werden teilweise ausweislich fiktive Züge trägt. Die zweisprachige Lesung wurde von etwa 100 Zuhörern besucht.

Der 2007 auf Deutsch erschienene Roman „Der Mathematiker“ des 1977 verstorbenen türkischsprachigen Kultautoren Oguz Atay, setzt seinem Mentor den aus einfachen Verhältnissen stammenden Ingenieur Mustafa Inan ein literarisches Denkmal. Mustafa Inan ist ein Grenzgänger des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Nach Ausbildungs-stationen in den Vereinigten Staaten, in der Schweiz und in der Bundesrepublik Deutschland, arbeitete er als Professor an der Technischen Universität in Istanbul. International bekannt geworden ist vor allem auch seine Frau die klassische Archäologin Jale Inan. Ihre Feldforschungen in Perge und Side waren grundlegend für die Entwicklung der Archäologie und Denkmalpflege in der Türkei. Zudem gibt der Roman einen etwas anderen Einblick auf die Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vorgestellt wurde der Roman u.a. von Hüseyin Inan, dem Sohn von Mustafa und Jale Inan, dessen Geburt und Entwicklung auch in dem Roman beschrieben wird. Die zweisprachige Lesung wurde von etwa 70 Zuhörern besucht.

Der 2011 erstmal in deutscher Übersetzung vorliegende Roman und Erlebnisbericht von Fethiye Cetin „Meine Großmutter“ spannt einen zeitgeschichtlichen Bogen von der unmittelbaren Gegenwart hin zu den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. In „Meine Großmutter“ erzählt Fethiye Cetin die Geschichte der Armenierin Heranusch, die während der Zwangsumsiedlung der armenischen Bevölkerung in die Obhut eines osmanischen Generals gerät und fortan dazu verdammt ist in einem inneren Exil zu leben, um Überleben zu können. Der Leser erfährt vom Schicksal Heranusch‘s durch die Augen ihrer Enkelin. In einem Moment indem die schrecklichen Erlebnisse aus ihr herausbrechen und sie die Geschichte ihrer verschütteten Identität ihrer Enkelin anvertraut. Der Roman hat in der Türkei wichtige Debatten ausgelöst. Viele sind dem Beispiel Fethiye Cetin‘s gefolgt und haben sich ebenfalls auf die Suche nach ihren Wurzeln gemacht. Fethiye Cetin ist vor allem auch bekannt als die Anwältin des 2009 ermordeten armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink. Die zweisprachige Lesung wurde von etwa 80 Zuhörern besucht.

Ergänzt wurde das diesjährige Programm durch zwei Schullesungen mit insgesamt 100 Jugendlichen und Schülern sowie der Buchpräsentation des 7. Ruhrlesebuchprojektes: „Zwischen meinen Welten unterwegs“ im Dezember 2011 an der VHS am Burgplatz/Essen mit gut 200 Gästen und Besuchern

Weiter Informationen zum Festival 2011 auch unter:

www.literatuerk.de

Essen, Januar 2012

Semra Uzun-Önder
Johannes Brackmann
Fatma Uzun

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Literatürk 2011: Die Autoren und Autorinnen

Murat Uyurkulak
1972 in Aydın geboren, studierte Murat Uyurkulak zunächst Jura und Kunstgeschichte in Izmir, brach jedoch beides ab und zog schließlich nach Istanbul. Dort arbeitete er als Kellner, Übersetzer und Journalist. Heute ist er der Auslandskorrespondent der Tageszeitung BirGün. Zudem hat er Bücher von Edward Said und Mikhail Bakunin ins Türkische übersetzt. Sein erster Roman "Tol" (Zorn) wurde 2002 veröffentlicht und erregte sofort größtes Aufsehen. Seither gilt Murat Uyurkulak als wichtige literarische Stimme in der zeitgenössischen türkischen Literatur.

Bei LiteraTürk liest er aus "Zorn" (Tol), das im September 2008 in deutscher Übersetzung erschienen ist sowie Auszüge aus seinem im Mai 2011 auf Türkisch erschienenen Erzählband "Bazuka" 

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